Coming Out und junge Schwule
Während meiner Schulzeit hatte ich nach meinem Outing nur wenig negative Erfahrungen. Manche haben es nach kurzer Zeit realisiert und akzeptiert, viele haben positiv reagiert. Ausnahmen waren ein paar alte Klassenkameraden, mit denen ich jedoch nie wirklich viel zu tun hatte. Mein Outing auf der Arbeit hatte ich ungefähr ein Jahr nach Beginn meiner Ausbildung. Ein paar Kollegen waren erst mal geschockt. Jedoch haben sie es jetzt alle verstanden und wissen wie ich bin. Vermutlich kannten viele vorher noch keinen Homosexuellen persönlich. Alle leitenden Kräfte inklusive der Geschäftsleitung gehen damit sehr positiv um. Sie akzeptieren meine Homosexualität, da gibt es keine Benachteiligungen. Allerdings behauptete ein Arbeitskollege, dass ich von ihm was wolle, was jedoch nicht stimmte. Als ich nicht weiter darauf einging, behauptete er ich hätte ihn (sexuell) angemacht. Das war eine Lüge.
Glücklicherweise stieg keiner der Kollegen darauf ein. Im Zweifels fall hätte ich aber schon die Hilfe des LSVD und des Allgemeinen Gleichstellungsgesetz (AGG) in Anspruch genommen. Deshalb kann man mich heute nicht mehr offen diskriminieren. Ich habe mir als junger Schwuler Anerkennung und Respekt in Schule und Beruf erkämpfen können, weil ich ein familiäres Umfeld habe, das mich akzeptiert und weil ich in einer Gesellschaft aufgewachsen bin, in der gleiche Rechte seit 2001 grundsätzlich vom schwulen Lobby verband LSVD durchgesetzt wurden. Auch deshalb habe ich Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein entwickeln können, dass mir im Leben weiter hilft. Ich kenne jedoch genug Fälle, bei denen das ganz anders aussieht. Das geht von Dissing und Mobbing im Freundeskreis und Familie bis zu Schule und Arbeit. Jugendliche wissen dann oft nicht, wohin sie sich wenden können. Besonders schlimm ist die Situation für Jugendliche in der Provinz. Wenn man im Jahr 2008 noch hören muss, dass man als Schwuler oder als Lesbe vergast werden müsse oder sich Aids holen wird, dann kann das jemanden ohne Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und ohne ein freundschaftliches Netzwerk zusammenbrechen lassen. Es verwundert nicht, wenn lesbisch schwule Jugendliche ein 4-fach höheres Selbstmordrisiko haben als Heterosexuelle. Um Jugendlichen in der Region Darmstadt eine Anlaufstelle zu geben habe ich deshalb das LSVD-Projekt
"fresh-Südhessen" gegründet, welche solche freundschaftlichen Netz werke aufbaut, aufklärt, informiert und in der man gemeinsam Freizeit verbringt.
Kevin Fäth (20), Landessprecher LSVD Hessen,
Gruppenleiter "fresh-Südhessen"
Bericht in der Gab, Ausgabe Juli 2008