Das äußere Coming-Out
Die Reaktionen
Reumütig gestand ich meinen besten Freund, dass er recht hatte! 1. Ich bin schwul, 2. Ich habe mich in ihn verliebt. Er akzeptierte es aber schwul war er nicht, zumindest wusste er es zu diesem Zeitpunkt noch nicht 100 %-ig. Naja, so eine Freundschaft konnte letztendlich nicht lange gut gehen, also zerbrach sie vorläufig gegen Sommer 2004 als er sich ganz sicher war, nicht auf Männer zu stehen. Es hat danach über 1 Jahr gedauert, bis wir uns wieder leicht angefreundet haben. Es wurde aber nie mehr so wie vorher. Dennoch war es für mich das beste, Abstand zu halten um so meine Gefühle zu ihm loszuwerden.
Tanz der Familie
Als nächstes erfuhr es meine Tante. Ich outete mich über Telefon und hatte sehr große Angst, wie sie reagieren würde. Die Reaktion war positiv und ich war erleichtert. Eine ganze zeit lang glaubte sie mir nicht so recht, dass ich schwul bin. Sie dachte es ist bestimmt nur eine Phase. Dies ist für Erwachsene eine Typische Einstellung. Als ich ihr dann meinen ersten und zweiten Freund vorstellte, hat sie es endlich geschnallt, dass es keine Phase ist. Unser Verhältnis könnte seither gar nicht besser sein.
Als nächstes waren meine Großeltern dran. Meine Oma (väterlicher Seite) erfuhr es als erstes und akzeptiert mich so wie ich bin. Größere Angst hatte ich bei meinem Opa (väterlicher Seite), er erfuhr es als nächstes nachdem ich mir vorher Mut angesoffen habe. Er brauchte mehrere Jahre, bis er überhaupt verstand, was Schwul sein bedeutet, akzeptiert es dennoch. Von meinen Großeltern erfuhr meine Oma (mütterlicher Seite) als letztes. Ich habe eigentlich von ihr erwartet, dass sie angewidert reagiert, da sie Anhängerin der NPD ist. Das war aber nicht so, sie akzeptierte mich so wie ich bin. Sie meinte nur, dass sie sich sicher wäre, dass ich dennoch ein guter „Führer“ werden könnte, da ich trotzdem im Grunde der Vorstellung Hitlers entsprach: Groß, blond und blauäugig. Naja, ich fand diesen Gedanken von ihr sehr Makaber, zumal Schwule damals in der Regel hingerichtet wurden. Und dann noch ich und NPD? Das ging gar nicht. Seitdem hat sie auch nie wieder ein Wort darüber verloren und hält sogar mehr Abstand zur NPD. Vielleicht habe ich in ihren Gedanken sogar etwas Positives bewirkt.
Zum Schluss meines Engen Familienkreises war im Spätherbst 2005 mein Vater dran. Ich war das erste mal in Köln, auf dem Bundesjugendkongress von LSVD fresh. Ich kam so positiv und gestärkt mit voller Energie nach hause zurück. So fasziniert war ich von Köln, dem schwulen Leben, dass ich einfach den Mut fasste und mich gleich am nächsten Tag bei meinem Vater Outete. Er schnaufte erst einmal tief durch. Ich dachte nur, jetzt schmeißt er mich gleich raus. Aber das Gegenteil geschah! Er sagte: „Eigentlich ahnte ich es schon länger und ich bin froh, dass du mir endlich die Wahrheit sagst“ „Du bist und bleibst auch weiterhin mein Sohn und ich akzeptierte es.“ Boa, war ich erleichtert und voller Freude. Dann verduftete ich mich erst mal und ließ ihn erst einmal verdauen. Seitdem wurde unser seit Jahren angespanntes Verhältnis immer besser.
Habe ich wahre Freunde?
Das Grundgerüst war geschaffen. Ich bin bei meiner Familie komplett geoutet und alle haben es eigentlich positiv aufgenommen. Von Outing zu Outing wurde ich mutiger. Nun beschloss ich es auch auf meine Freunde auszuweiten. Seit mitte 2005 gehörte ich zu einer festen und großen Jugendclique dazu. Wir trafen uns jedes Wochenende und waren im Schnitt 15 Leute. Im Winter `05/`06 hockte ich irgendwann nur noch mit den beiden Anführern zusammen. Bei einem gemütlichen Bier war ich eigentlich ziemlich angesehen bei den beiden. In einem Gespräch fragte mich einer der beiden, ob ich den schon eine Freundin hätte, da ich bei Frauen so zurückhaltend bin. Ich verneinte. Eine Woche später sollte eine Große Party stattfinden und sie sagten, bei dieser Party finden wir für dich eine Freundin. Ich sagte dann ich will aber keine. Meine Freunde fragten mich warum nicht. Ich wiederum, dass kann ich euch nicht sagen. Sie löcherten mich so lange, bis ich dann mit der Wahrheit rauskam und sagte die drei magischen worte „Ich bin schwul“
Wie ein Echo schien es durch den Raum zu hallen. Stille. Der Liberale der beiden ergriff dann die Initiative und meinte, dass er es akzeptiere und er mich für einen korrekten „Kollegen“ findet. Er hat von dieser Zeit an ein ganz anderes Bild von Schwulen bekommen, da er nur dieses Klischee kannte. Ich war eben keine typische Klischeeschwuppe, sondern völlig normal. Mir sieht man es nicht auf den ersten Blick an. Der zweite hatte etwas länger gebraucht, bis er es vorerst tolerierte. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass er nicht ganz die Wahrheit sagte. In Wirklichkeit empfand er mehr Hass und ich verlor sein Respekt. Allerdings brach dies die Clique in zwei Hälften. Eine, die größere, dessen Anführer es akzeptierte hielt zu mir. Die andere wandte sich mit der Zeit von uns ab, es blieben aber nicht viele übrig. Umso größer schien mir die Wut des anderen zu werden. Aber es passierte nie etwas. Die Wut verdampfte irgendwann. Krieg gab es keinen.
Etwa im Frühjahr 2006 entstand eine neue Clique, welche ich zusammenkratzte. Sie bestand anfangs gerade mal aus 3-4 Personen, wächst aber ständig, sodass Sie bei mittlerweile ebenfalls 15 Personen angekommen ist. Bei uns gibt’s kein Anführer. Bei allen spiele ich von Anfang an mit offenen Karten. Ich sage gleich was Sache ist. Die übrigen würden hinter mir stehen. Wenn es jemand nicht akzeptiert, kann er gehen. Mit dem ersten Kumpel, mit dem ich die Clique ins leben gerufen habe und ich mich als erstes geoutet habe, sind wir seit ein paar Jahren beste Freunde. Wir sind ein bunter, verrückter Haufen, wo jeder jedem seine Macken akzeptiert. Mit meiner ersten Clique gingen mit der Zeit die Wege immer weiter auseinander, während bei meiner neuen der Zusammenhalt und die Akzeptanz unheimlich groß ist.
Homosexualität, ein Tabuthema in der Schule?
Da ich mich erst relativ „spät“ geoutet habe, und mir erst in der letzten Klasse soweit alles klar wurde, hat es sich eigentlich erübrigt mich vor der gesamten Realschulklasse zu outen. Ich kann mir denken, dass einige bescheid wussten, jedoch niemand etwas dagegen gesagt hatte. Ein paar enge Freunde von mir wussten es ja auch schon. Selbst am Schluss habe ich es für mich behalten. Nach der Schulzeit haben es noch ein paar erfahren, auch nicht wirklich was Negatives gehört.
In der Berufsschule habe ich mich erst am Anfang des 3. Lehrjahres geoutet. Die Klasse akzeptierte mich. Es war nicht wirklich eine große Überraschung, als ich mich bei Gesprächen von gutaussehenden Jungs reinhängte. Scheinbar muss es den meisten auch klar gewesen sein. Alles in allem habe ich nicht viele Erfahrungen mit dem Outen in der Schule gemacht. Die wenigen Erfahrungen, die ich gesammelt habe, waren o.k. – Die Hemmschwelle sich in der Schule zu outen ist so ziemlich am größten.
Der Arbeitsplatz – Karrierekick oder knick?
Auf der Arbeit habe ich mich sogar noch früher als in der Berufsschule geoutet. Viel mehr wurde ich in einer Intrige gegen mich geoutet. Als das Gerücht kursierte, habe ich reinen Wein eingeschenkt und mich bei meinen Kollegen geoutet. Ich hatte kein Problem damit mit dem Thema offen umzugehen. Und das positive was passiert ist, ruck zuck ist das Getuschel hinter meinem Rücken verstummt, die Gerüchteküche konnte endlich aufhören zu brodeln und die laufende Intrige des Arbeitskollegen gegen mich ist verpufft. Jeder akzeptiert mich so wie ich bin. Man ist vorsichtig, was man gegen mich sagen will, denn schnell kann so ein Schuss nach hinten losgehen. Die Geschäftsleitung ist recht neutral zu diesem Thema eingestellt. Der junge Chef hat sogar, so scheint es mir mehr Probleme damit als der Senior. Allerdings wissen sie mich alle zu nehmen, wie ich bin. Bei vielen konnte ich Vorurteile aus dem Weg räumen. Denn die meisten haben noch nicht wirklich einen Schwulen so kennen gelernt. Auch hier war das Klischeedenken sehr verbreitet.
Meiner Karriere persönlich hat es keinen Abbruch getan. Ich bin in einer relativ hohen Position und werde wie ein ganz normaler Mitarbeiter behandelt. Geht es jeden etwas an, dass ich schwul bin?
Nein. Meiner Meinung nach müssen nicht alle, mit denen ich flüchtig Kontakt habe etwas von meinem Sexual oder Privatleben erfahren. Ich gehe zwar offen mit diesem Thema um, aber ich habe nicht auf meine Stirn geschrieben „Ich bin schwul!“ Auch auf das ansprechen, ob ich eine Freundin habe oder verheiratet wäre, weiche ich im ersten Moment meistens mit einem simplen nein aus. Wird dann nachgebohrt, werde ich die Wahrheit über mich sagen, ob es ihm passt oder nicht.