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Meine Erfahrungen und mein Coming-Out

Ein Bericht von Benjamin

Das erste Mal wirklich wahrgenommen, dass ich schwul bin, habe ich im Alter von 13 Jahren. Wenn ich jetzt zurückdenke, gab es zwar schon immer Anzeichen dafür, aber weder meine Familie, noch ich haben diese als solche wahrgenommen. Ich habe in der Zeit, in der mir bewusst geworden ist, dass ich anders bin, versucht, in die Gegenrichtung zu lenken. Bei uns an der Schule war „schwul“ das wohl gängigste Schimpfwort, weswegen ich nicht zu dem werden wollte, was dieses Wort beschreibt, obwohl ich es schon war. Ich habe also versucht, eine Freundin zu bekommen, nur um sagen zu können, ich habe eine und um den Beleidigungen zu entgehen. Das gelang mir in der relativ kurzen Zeit von einem Jahr mehrere Male, sodass ich die Partnerin mehrmals wechselte. Grund dafür war, dass ich nie weiter als bis zu einem Kuss, der auch schon Überwindung kostete, gehen konnte.

Als ich mich dann mit 14 Jahren in meinen besten Freund verliebte, wurde es mir endgültig klar, dass ich schwul bin. Als ich ihm den Umstand nach ca. einem halben Jahr beichtete, konnte er das überhaupt nicht verstehen. Er hat, nachdem er sein Entsetzen und seinen Hass gegenüber Schwulen geäußert hat, den Kontakt zu mir abgebrochen.

Danach habe ich es einem anderen Freund erzählt. Ich habe viel drumherum geredet, da es so schwer war, ihm nach der Reaktion meines ehemals besten Freundes ins Gesicht zu sagen: "Ich bin schwul". Dennoch hat er es gelassen aufgefasst und mir gesagt, solange ich nicht auf ihn stehe oder ihn anmache, ist ihm das total egal.

Dann begann mit dem Umzug meiner Mutter ein neuer Lebensabschnitt für mich. Durch den Umzug war ich den Lebensgefährten meiner Mutter, der mich teilweise richtig fertig gemacht hat, endlich losgeworden. Zudem bekam ich mein eigenes Zimmer, wodurch ich machen konnte, was und vor allem wann ich es wollte. Noch kurze Zeit vor dem Umzug lernte ich meine erste schwule Bekanntschaft über das Internet kennen. Wir trafen uns nach vielen Chats und Telefonaten zwei Mal, es kam auch zu einem Kuss. Als er dann aber in den Urlaub fuhr und mir danach beichtete, dass er mit mir eine Art Sexbeziehung führen wollte, sagte ich ihm, dass das nicht meiner Absicht entspräche und für mich moralisch nicht vertretbar sei. Wir stellten also vorerst den Kontakt zurück. Ich brach ihn, nachdem er nur noch über den Sex redete, den er mit mir haben wollte, schließlich ab.

Kurz darauf bekam ich eine Mail von meinem besten Freund, der zuvor den Kontakt abgebrochen hatte. Er schrieb mir darin, dass er durch sein geistliches Wachstum, welches er in der Zeit, in der wir keinen Kontakt hatten, meine Position jetzt verstehen würde und es ihm leid tue, wie er mit mir umgegangen ist. Seitdem ist er wieder mit mir in Kontakt und befreundet.

Ende August 2010 war dann die Kennenlernfahrt der Oberstufeneinführungsklassen. Kurz davor erzählte ich einem neu gewonnenen Freund über meine Ausrichtung. Er wollte es erst nicht glauben, aber da er in allen anderen Dingen bisher sehr vertrauenswürdig und nett mit mir umgegangen war, dachte ich, das "Geheimnis" sei bei ihm sicher und er würde seine Beschimpfungen durch das Wort "schwul" ein wenig reduzieren. Jedoch war er es, durch den ich dann auf der Kennenlernfahrt geoutet wurde. Er erzählte es seiner besten Freundin und da sie eine Labertante ist, wusste es schon am ersten Abend ein Großteil der Teilnehmer dieser Exkursion. Gleichzeitig schrieb ich mit meinem Bruder und sagte es ihm und, dass er versuchen soll, es meiner Mutter zu überbringen, da diese schon auf manche Anzeichen dazu eher schlecht reagiert hatte.

Bis auf die Leute, mit denen ich vorher schon zerstritten war und die, die ich vorher nicht leiden konnte, haben es alle gut aufgenommen. Nur meine Mutter hat erst geheult, war dann verzweifelt, hat mich danach beschützt und mich aber, als nicht normal bezeichnet. Seit heute, da ich ihr die Menschlichkeit von Homosexualität anhand einer These von Adolf Portmann dargelegt habe, bezeichnet sie mich als normal und sich als animalisch. Mein Vater scheint es durch einen meiner Brüder mitbekommen zu haben, da er erst etwas abweisend zu mir war, mich jetzt jedoch ernster nimmt, als je zuvor. Eine weitere positive Folge von meinem Coming-Out ist nicht nur, dass ein Großteil der Mädchen unserer Schule mit mir befreundet sein will, sondern ich mich seelisch freier fühle, ein stärkeres Selbstbewusstsein entwickelt habe und jetzt auch offener reden kann. Dies zeigt auch die Quantität meiner mündlichen Mitarbeit im Unterricht, die sich fast verdoppelt hat.

Ende September habe ich dann über eine Community einen Jungen kennengelernt, der bisher die größten Gefühle bei mir ausgelöst hat, die ein Mensch jemals bei mir hervorgerufen hat. Aber nicht nur gute Gefühle, sondern im Nachhinein vor allem schlechte. Denn nachdem wir zwei Monate zusammen waren, sagte er mir, er könne von seinem Vater aus, weil dieser es verbiete, keine Beziehung weiterführen. Jedoch nicht einmal eine Woche danach sagte mir ein (bis dahin) Freund, dass er es mit ihm getan habe. Weil dieser mich damit aufzog und ich total am Ende war, sagte ich auf seinen Kommentar, dass er gut im Bett wäre, dass dies nicht stimmt. Er sagte es natürlich meinem ehemaligen Freund und dieser brach wegen solch einer Sache den Kontakt zu mir komplett ab.

Ich trauerte lange uns suchte krankhaft nach Nähe, weil ich diese so extrem vermisste. Jedoch war es auch ein Lernprozess, während dem ich verstand, was falsch gelaufen war und auf was ich in Zukunft achten muss, weil es einige Anzeichen dafür gab, dass es so enden würde. Diese Trauerphase wurde dann mit dem Erscheinen der dritten und bis jetzt letzten Bekanntschaft beendet.

Durch mein Vermissen der Nähe zu einer Person ging es sehr schnell, dass ich meiner dritten Bekanntschaft näher kam. Jedoch ging es mir nach zwei Wochen zu schnell. Ich bemerkte, dass daraus nichts werden kann und bot ihm an, die Sache noch mal grundlegend zu beginnen und das Kennenlernen hinauszuzögern. Er suchte sich jedoch lieber jemand anderen. Das war, wie ich heute weiß, auch gut so, da er in seiner Umgebung bekannt dafür ist, schnell wechselnde Partner und Sexdates zu haben.

Gemeinsam mit seinem neu erlangten "Freund" schaffte es diese Person, mich durch sein kindergartenähnliches Verhalten durch Belügen, Geheimnisseerzählen und Lästern an einen der tiefsten, wenn nicht den tiefsten Punkt meines Lebens zu bringen. Jedoch als die Weihnachtsferien vorbei waren und das neue Halbjahr 2011 begann, war ich so in die Schule vertieft, dass ich diesen Zustand nach und nach abbauen konnte. Ab und zu kehrt die Einsamkeit zwar wieder, aber das ist dann durch Langeweile oder zu viel Stress verursacht.

Letztendlich war es gut, dass ich mich geoutet habe, auch wenn ich dafür einige Opfer erbringen musste. Ich hätte dieses Versteckspiel nicht lange ausgehalten und wäre zum psychischen Wrack geworden. Und da ich als Sechzehnjähriger das meiste meines Lebens noch vor mir habe, werde ich sicher weiterhin einige Erfahrungen sammeln und dazulernen.

Euer Benjamin

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